Philosophische Stunde April 2026: Beraten ohne Geländer – einige Hannah Arendt Impulse für Beratung

Beraten ohne Geländer
– einige Hannah Arendt Impulse für Beratung

Ein Beitrag von Dr. Michael Loebbert.

Siehe Philosophische Stunde am 23.04.2026 Verband für Philosophie und Unternehmensberatung

Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=HUNzlPrHFok

 

Hannah Arendt und philosophischer Pop als Kontext für diese Impulse.

Drei Thesen:

  1. Beraten wie Arendts Sokrates, “der Wind des Denkens“, ist der Ausgangspunkt. Das sind Anregungen und Impulse aus dem aus dem Platon- und Aristoteles-Studium Hannah Arendts. Pluralität des Denkens ist die Einheit von διάνοια – συμβουλεύειν – διάλεκτικη mit anderen.
  • Mit mir selbst reden als wären wir zwei.
  • Ich will mit mir selbst zusammenstimmen.
  • Doxa, der Schein ist individuell in der Perspektive, singulär in dem, was erscheint.
  • Miteinander Reden, den je singulären Schein zur Gemeinschaft bringen – Mäeutik.
  • Darin können wir Freunde werden. Freundschaft ist darum die Grundlage von Gemeinschaft und damit auch von Politik … „Pluralität“ in mir, mit anderen und im Staat.
  • Vernünftiges Denken, Beraten, und dialektische Rede sind eine (untrennbare) Einheit. … das legt Hannah Arendt ihrer Argumentation zugrunde.

Vgl. Sokrates (The Promise of Politics, Vorlesung 1954)

=> Beraten ist gemeinsam mit Freunden Denken (= Denken-Beraten-Sprechen).

  1. Philosophische Anthropologie des Anfangens und Anfangen Könnens (Vita Activa) ist die Grundlage. Natalität, aus mir selbst etwas Neues anfangen, ist die Grundkategorie politischen Denkens. (Aus meiner Sicht das Eigene und Unvorgedachte von Hannah Arendt.)
  • Arbeiten-Herstellen-Handeln“Tätigsein“ – Reproduktion, Produktion, Praxis. Denken ist eine Praxis.
  • Der Mensch als Handelnder ist der Maßstab (NE 1176a 17). Der Vorrang des Handelns als Handeln im öffentlichen Raum (polis) – Vorrang der „Macht“, gemeinsam zu handeln.
  • Das menschliche Leben realisiert sich im öffentlichen Raum Leben (bios politikos), wo Menschen eine unverwechselbare Lebensgeschichte durch Worte und Taten hinterlassen.
  • Jeder Mensch hat die „Mitgift“ des Neuanfangs zu seiner Geburt.
  • Das Wesen des Handelns ist „immer etwas Neues anzufangen“; darin realisiert sich Freiheit, denn „alle Freiheit liegt in diesem Anfangen-Können beschlossen“.
  • Die Natalität ist die Grundkategorie des politischen Denkens (Philosophie als politische Theorie ist politische Tätigkeit).

=> Beraten ist immer auch politisches Philosophieren.

  1. Denken ohne Geländer kann auch als „Beraten ohne Geländer“ verstanden werden. – Die größten Übel entstehen aus Gedankenlosigkeit, Banalität des Bösen. Denken ist eine moralisch-politische Fähigkeit.
  • Denken ist nicht übergeordnet (Philosophenkönigtum), sondern reflexiv nachgeordnet und das Handeln rahmend und vorbereitend.
  • Denken ist eher wie negativ wirksam: es hält auf, es stoppt, es unterbricht das äußere Handeln.
  • „Wenn ich arbeite, bin ich an Wirkung nicht interessiert … Worauf es mir ankommt, ist der Denkprozess selber“ (aus dem berühmten Interview mit Günther Gaus 1964).
  • Denken ohne Geländer kommt ohne Gewissheiten aus. „Man bewegt sich auf einer Treppe ohne Geländer und muss sich daher selbst orientieren“ (Rundfunkvortrag).
  • Die Anerkennung der Pluralität (als Vielfalt der Verschiedenheit) von Perspektiven und Individuen ist eine Voraussetzung für Denken. Unterschiede bringen zum Denken.

=> „Beraten ohne Geländer“ ist Denken ohne Geländer.