Philosophische Stunde September 2025: Philosophen – was können Sie und was hält man von Ihnen?

Ein Beitrag von Dr. Dr. Michael Rasche.

Nachfolgender Beitrag ist u.a. entstanden aus einem Impulsvortrag anlässlich der Philosophischen Stunde des VPU – Verband für Philosophie und Unternehmensberatung e.V. und findet sich auch hier: Studie: Was denken die Menschen über Philosophie? | Michael Rasche.
Die Philosophische Stunde ist ein wiederkehrendes Format und offen für alle Interessent:innen. Die Aufzeichnungen der inhaltlich und thematisch vielfältigen bisherigen Impulsvorträge lassen sich auf dem YouTube-Kanal des VPU abrufen. Der Mitschnitt dieses Beitrags findet sich hier: Philosophische Stunde September 2025: Philosophen: Was können sie und was hält man von ihnen?

 

Was denken die Leute über Philosophie? Was denken Sie spontan, wenn Sie das Wort „Philosophie“ hören?

Den einen kommt vielleicht ein weiser und bedeutungsvoll denkender älterer Mann mit weißem Bart in den Sinn, der grüblerisch unter einem Baum hockt und in den Himmel schaut. Anderen stellen sich unter Philosophen vielleicht kompliziert und verdreht denkende Menschen vor, die es schaffen, jede Diskussion zu sprengen und jedes normale Wort derart aufzublasen, bis es auch den letzten Funken an Sinn und Verständlichkeit verloren hat.

Es gibt viele Ideen, was Philosophie eigentlich ist – und es gibt viele Ideen über diejenigen, die sich darüber Gedanken machen.

Was denken die Leute über Philosophie?

Um nicht nur zu spekulieren, sondern auch eine gute empirische Basis zu haben, haben zwei tschechische Forscher, Vit Gvozdiak und Martin Zach, im Oktober 2024 mit einer Umfrageagentur über 1000 repräsentativ ausgesuchte Personen dazu befragt.

Zuerst ging es um die Frage, wie diese Personen selbst zur Philosophie stehen. Hier ist festzuhalten, dass die meisten Menschen die Philosophie nicht ablehnen, sondern positiv oder neutral sehen. Nur 8% der Befragten beurteilten die Philosophie als überflüssig und nutzlos.

 

Was hindert dann die meisten Menschen, Philosophie zu betreiben oder sich mit philosophischen Autoren zu beschäftigen?

36%: keine Information, wie man sie praktisch betreiben kann,

30%: kein Interesse,

26%: zu unklare und abstrakte Sprache,

13%: Arroganz oder elitäres Verhalten der Philosophen.

Im Ergebnis muss man sagen, dass die meisten Menschen der Philosophie ein positives Grundverständnis entgegenbringen, aber nicht einschätzen können, worin konkret der Nutzen der Philosophie liegt.

 

Was ist nun die Philosophie?

51%: eine akademisch-universitäre Disziplin,

34%: Tool für kritisches Denken,

32%: Hilfe, um besser und glücklicher zu leben,

18%: religiöse oder spirituelle Glaubenssätze.

Damit wird die Philosophie von etwa der Hälfte der Befragten nicht nur als Hobby angesehen, sondern als eine Profession, die man an der Universität erlernen kann.

 

Wo soll Philosophie unterrichtet werden?

28%: bereits in der Grundschule,

30%: an den weiterführenden Schulen,

25%: nur an den Universitäten,

17%: kein Platz im regulären Bildungswesen.

Hier ist ein sehr uneindeutiges Bild sichtbar. Die meisten würden Philosophie im Bildungswesen verankern, wo (und damit auch warum) ist nicht deutlich.

 

Was sollen Philosophen tun?

54%: Ratgeber für Sinnsuche und Lebensfragen

38%: Kritiker der Gesellschaft

30%: Wissenschaftler, die Daten analysieren

29%: Spirituelle Führer

 

Wo sollen Philosophen sich äußern?

45%: wie andere Experten auch in Fachmedien,

19%: in öffentlichen Auftritten,

 

Zwei Gruppen: Phil. als wissenschaftliche Experten und als Führer für sinnvolles Leben

Welche Einstellungen haben die Menschen gegenüber der Philosophie? Anhand von 23 Fragen wurden vier verschiedene Gruppen identifiziert:

  • Formale Bewunderer (29%)
    Die Philosophie wird als akademische Disziplin respektiert und geachtet. Weiteres Interesse an der Philosophie besteht nicht. Die Philosophie hat außerhalb der Universität kein Gewicht.
  • Aktive Enthusiasten (18%)
    Diese Gruppe beschäftigt sich mit der Philosophie (Bücher, Vorträge usw.). Die Philosophie ist ein Instrument kritischen und analytischen Denkens und notwendig, um die gesellschaftlichen Herausforderungen zu bestehen.
  • Spirituelle Bewunderer (17%)
    Philosophie wird nicht als akademische Disziplin, sondern als Ratgeber gesehen, der dem eigenen Leben Sinn und Inspiration vermittelt. Philosophen sind spirituelle Führer.
  • Pragmatische Skeptiker (8%)
    Diese Gruppe betrachtet die Philosophie mit großem Argwohn: sie ist eine nutzlose Disziplin, die zu abstrakt ist und mit dem Leben und der Welt nichts zu tun hat.

Die übrigen 28% zeigen gemischte oder gleichgültige Einstellungen. Es gibt kein klares Interesse an der Philosophie und zumeist auch keine Idee darüber, was Philosophie ist.

 

Wann ist ein Text „philosophisch“?

Hier griffen die Forscher auf ein interessantes Verfahren zurück. Den Befragten wurden Auschnitte aus sechs verschiedenen Texten vorgelegt, und zwar:

Martin Heidegger (Sein und Zeit, Kontinentalphilosophie),
Hermann Hesse (Siddhartha, Literatur),
Don Miguel Ruiz (Die vier Abkommen – Strahler, Selbsthilfe/Spiritualität),
W. V. O. Quine (Zwei Dogmen des Empirikismus, analytische Sprachphilosophie),
Vét Punochá (Substrukturelles, Logik), philosophische Logik
und Samir Okasha (Krebs und die Ebenen der Selektion, Philosophie der Wissenschaft).

Autor und Titel wurden nicht genannt. Die Befragten sollten nun einschätzen, wie philosophisch der jeweilige Text ist. Das Ergebnis: Heidegger und Hesse waren am deutlichsten philosophisch, eher technische Autoren wie Quine oder Okasha galten als minder philosophisch. Hier das Ergebnis im Detail:

Diese Untersuchung ist so zu lesen, dass für die meisten Menschen Philosophie mit den existentiellen und grundsätzlichen Lebens- und Weltfragen zu tun hat, weniger mit technischen Analysen und wissenschaftlichen Konzepten. Diese Einschätzung ist interessanterweise völlig unabhängig davon, wie die Befragten selbst die Philosophie eingeschätzt haben.

Das heißt: unabhängig davon, ob sie selbst jetzt die Philosophie eigentlich als Wissenschaft oder als Lebensratgeber gesehen haben, haben sie die Texte eher als philosophisch beurteilt, die existentiellen Lebensfragen zu tun haben.

 

Fazit

Auch wenn diese Studie in Tschechien durchgeführt wurde, ist davon auszugehen, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern ähnliche Ergebnisse erzielt würden.

Diese Studie belegt folgende Erkenntnisse:

  • Die Philosophie als solche ist als akademische Disziplin anerkannt und hat ihren verdienten Platz im öffentlichen Bildungswesen.
  • Was genau die Philosophie allerdings ist und macht, ist eher unbekannt. Sie soll öffentlich wirksam sein, erfüllt diesen Anspruch aber zu wenig. Sie gilt vielen als sperrig und wenig zugänglich.
  • Die Philosophie soll praktische Relevanz für das Leben der Menschen haben und den Menschen in ganz existentiellen Lebensfragen helfen.

Die Hauptaufgabe, die sich für die Philosophinnen und Philosophen aus dieser Studie ergibt, liegt darin, stärker als bisher die Inhalte der Philosophie in die Gesellschaft hineinzuvermitteln. Stärker als bisher muss deutlich werden, was die Philosophie zum Leben der Menschen Positives beitragen kann.

Zugleich muss deutlicher und zugänglicher werden, was die Philosophie eigentlich ist und wie sie arbeitet.

Dies ist harte Arbeit und ist in erster Linie abhängig von der Haltung der Philosophen selbst. Natürlich muss in jeder Disziplin zwischen theoretischer Grundlagenforschung und praktischer Arbeit unterschieden werden.

Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass viele Philosophen nicht nur in einem akademischen Elfenbeinturm leben, sondern sogar das Leben außerhalb dieses Elfenbeinturms als nicht relevant ablehnen. Wenn ein Philosoph in der Lage ist, öffentlichkeitswirksam und verständlich zu reden, wird er von vielen Kollegen verachtet, weil er kein Niveau hat.

Die Folge: vielen gilt die Philosophie als diffuse und schwer verständliche Angelegenheit, die maximal für eine kleine Elite interessant ist. Hier müssen die Philosophinnen und Philosophen ansetzen. Es geht nicht darum, schwierige Dinge leicht und billig zu machen. Aber ein Bemühen um Verständlichkeit und ein grundsätzlicher Respekt vor der Welt der normalen Menschen wäre sehr hilfreich.

Die Philosophie kann sehr große praktische Relevanz besitzen. Sie lehrt kritisches Denken, sie lehrt, die Welt zu verarbeiten, in der man lebt und sie lehrt, sich und die Gesellschaft auf ihre ethischen und moralischen Grundlagen zu überprüfen und sich und der Gesellschaft Werte und Orientierung zu vermitteln.

Die Studie lehrt, dass die Menschen diese Elemente der Philosophie durchaus sehen und wertschätzen. Und danach verlangen, dass die Philosophie diese Dinge auch so einbringt, dass sie wirksam und verständlich sind. Nun ist es an der Philosophie, dies zu liefern.

 

Neue Studie: Philosophie schult Denken!

Wissen Sie, in welchen Fachdisziplinen an der Universität die meisten Bücher aus der Bibliothek geklaut werden?

Es sind die Juristen und die Theologen. Über die Gründe kann man jetzt lange spekulieren, warum ausgerechnet die Fachdisziplinen, in denen es ja um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gehen sollte, hier auffällig sind.

Halten wir fest: es gibt massenhaft Studien über Studenten: ihre Stärken, Schwächen, Eigenschaften usw.

Nun gibt es seit jeher auch zahlreiche Studien, die bestimmte Eigenschaften der Philosophie-Studenten belegen: sie seien bessere Denker und Logiker und wären in der Lage, komplexe Probleme zu lösen.

Das Problem dieser und vieler anderer Studien war das von Korrelation und Kausalität: Ist es jetzt das Studium, das die Studenten zu besseren Denkern macht oder ist es nicht so, dass es gute Denker in dieses Studium zieht und sie deshalb besser abschneiden? Und worin genau schneiden Studenten der Philosophie eigentlich besser ab?

Eine kürzlich, am 11. Juli 2025, von Michael Prinzing und Michael Vazquez im „Journal of the American Association“ veröffentlichte Studie will mehr Licht in die Angelegenheit bringen.

Material dieser Studie sind über knapp 650.000 Tests an über 800 Hochschulen und Universitäten in den USA aus den Jahren 1990 bis 2019.

Insgesamt fünf verschiedene Tests wurden untersucht bzw. neu sogar neu durchgeführt. In folgenden Tests kamen die Philosophie-Studenten teils sehr deutlich auf Platz 1:

  • SLAT (logische Fähigkeiten)
  • GRE Verbal (verbale Fähigkeiten): das Finden und Beurteilen von Begriffen, die Qualität des sprachlichen Ausdrucks,
  • Habits of mind (Denkweisen): intellektuelle Gründlichkeit, intellektuelle Bescheidenheit, Offenheit, Neugierde.

Immerhin weit oben auf Platz 6 kam man hier:

  • Pluralistic Orientation (Pluralismus von Perspektiven): gedankliche Offenheit.

Nur für einen Mittelfeldplatz reichte es hier:

  • GRE Quantitativ (mathematische Fähigkeiten).

Im Ergebnis muss man sagen, dass die Philosophie-Studenten in den logischen und sprachlichen Fähigkeiten sehr gut abschnitten. Bei den mathematischen Fähigkeiten landen sie im Mittelfeld. Mehr als ich erwartet hatte.

Durch einen Vergleich bisheriger Tests, aber auch durch ergänzende Tests (so wurden teilweise Studenten nach vielen Jahren mit neuen Tests befragt) konnten die Forscher feststellen, dass die guten Werte nicht nur damit zusammenhängen, dass Personen mit bestimmten Fähigkeiten sich für ein Philosophie-Studium entscheiden, sondern dass sich diese Fähigkeiten im Laufe des Studiums entscheidend weiterentwickeln und sich verstärken.

Hierfür wurden beispielsweise der zu Beginn des Studiums festgestellte Vorsprung in gewissen Fähigkeiten bei den Tests am Ende des Studiums rausgerechnet: ein klarer Vorsprung blieb. Die Studie kommt zu dem Schluss:

„Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende mit ausgeprägteren sprachlichen Fähigkeiten, die neugieriger, aufgeschlossener und intellektuell anspruchsvoller sind, eher dazu neigen, Philosophie zu studieren. Dennoch schneiden Philosophie-Studierende nach Berücksichtigung dieser grundlegenden Unterschiede in Tests zum sprachlichen und logischen Denken sowie bei der Messung wertvoller Denkgewohnheiten besser ab als alle anderen Studiengänge. Dies ist der bislang stärkste Beweis dafür, dass das Studium der Philosophie Menschen tatsächlich zu besseren Denkern macht.“

Im Kern geht es um die sprachlichen Fähigkeiten. „Sprachlich“ ist hier nicht zu verstehen als „schön“ und „nett klingend“, sondern als die Fähigkeit, einen Inhalt präzise und treffend wiederzugeben. Diese Fähigkeit ist notwendigerweise verbunden mit einer Offenheit für neue Inhalte bzw. der Fähigkeit, neue Eindrücke verarbeiten zu können (und zu wollen), und damit verbunden auch mit der Fähigkeit, bisherige Inhalte zu hinterfragen und zu kritisieren.

Die Studie belegt, dass diese Fähigkeiten im Laufe eines Philosophie-Studiums gestärkt werden. Dies heißt ausdrücklich nicht, dass jeder Philosoph ein Meister-Denker ist. Und damit kommen wir zu den Fragezeichen, die diese Studie aufwirft.

Die Autoren der Studie benennen auch offene Fragen, die in Zukunft näher untersucht werden sollen. So weisen sie etwa darauf hin, dass sie die „Philosophie“ nicht näher spezifiziert hätten: Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen philosophischen Schulen? Etwa zwischen „Analytikern“ und „Kontinentalen“, um die beiden großen Blöcke der heutigen Philosophie zu benennen? Oder üben sich Studierende in unterschiedlichen Fähigkeiten, wenn sie sich eher mit ethischen oder eher mit metaphysischen Fragen beschäftigen?

Eine weitere Bruchstelle – die meiner Meinung nach relevanter ist – ist diejenige, ob die genannten Fähigkeiten auch wirklich ausgeübt werden. Dass jemand gut denken kann, ist ja das eine. Aber tut er es auch?

„Um festzustellen, ob Studierende der Philosophie ihre intellektuellen Fähigkeiten aus den richtigen Gründen, mit den richtigen Mitteln, zu den richtigen Anlässen und auf die richtigen Objekte gerichtet einsetzen, wären weitere und möglicherweise ganz andere Arten von Belegen erforderlich.“

Die Forscher kommen zu einem zweigeteilten Resümee:

  1. Angesichts der immer weiter zunehmenden Technisierung und Bürokratisierung der heutigen Welt sind die in der Philosophie vermittelten Fähigkeiten nötiger denn je. Dies ist vor allem deshalb von Belang, weil die Philosophie – wie auch andere geisteswissenschaftliche Disziplinen – unter großem Druck steht, an den Hochschulen und Universitäten weiter ausreichend unterstützt zu werden.

Hier rühren die Forscher an einen wichtigen Punkt: Philosophie ist eine Expertise. Sie ist kein bloßes Brüten über Sinn und Unsinn dieser Welt, sondern eine entwickelte Fähigkeit, mit Inhalten umzugehen und sie zu verarbeiten. Genau diese Fähigkeit macht die Philosophie zu einer oft schwer greifbaren Sache: sie definiert sich eben nicht über einen klaren Inhalt, sondern über den Umgang mit einen Inhalt. Hier liegt die Expertise der Philosophie.

  1. Die in der Philosophie vermittelten Fähigkeiten sind wichtig für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Fähigkeit, innerhalb einer immer pluraleren Gesellschaft gemeinsame Werte vermitteln zu können, sind wesentlich dafür, dass eine Gesellschaft funktioniert. Die Fähigkeiten der Philosophie sind eine wesentliche Stütze der Demokratie.

Und damit kommt die Studie zu einem Resultat, das über ihre eigene Arbeit hinausweist: diese Fähigkeiten an sich besitzen bereits einen großen Wert. Aber sie entfalten ihre wahre und große Bedeutung, wenn sie für die Gesellschaft eingesetzt werden. Und so schließt der Artikel der Forscher mit folgenden Sätzen:

„Schließlich ist es eine Sache, scharfe, analytische Denker zu bilden, und eine ganz andere, intellektuell tugendhafte Bürger zu kultivieren, die dazu neigen, ihren Geist verantwortungsvoll im Dienste des Gemeinwohls zu nutzen.“